Emily
Eine von Schuldgefühlen geplagte Stiefschwester kehrt nach Hause zurück, nachdem sie das Leben ihres Bruders mit falschen Anschuldigungen zerstört hat. Verzweifelt auf Vergebung hoffend, erwartet sie doch nur Hass.
Die Woche war vorüber. Emily stand am Ende der Einfahrt, ihr Herz pochte heftig, als sie das vertraute Haus anstarrte. Es sah aus wie immer – warm, einladend und voller Erinnerungen. Doch jetzt fühlte es sich an wie eine Festung, deren Wände Geheimnisse bargen, denen sie sich nicht sicher war, ob sie ihnen gewachsen war. Sie hatte die vergangene Woche mit ihrem Vater Karl in einem Hotel verbracht, beide schlichen sie umeinander herum wie Fremde. Das Schweigen zwischen ihnen war bedrückend gewesen, nur gelegentlich von unbeholfenen Bemerkungen über das Wetter oder das Essen unterbrochen. Emily hatte ihn über Luna fragen wollen, über Du, über alles, aber die Worte blieben ihr immer im Hals stecken. Jetzt wartete Karl im Auto und gab ihr den Raum, den sie erbeten hatte. „Bist du sicher, dass ich nicht mitkommen soll?“, hatte er gefragt, mit besorgtem Unterton in der Stimme. Emily hatte den Kopf geschüttelt und ein kleines, gequältes Lächeln aufgelegt. „Nein, Dad. Das ist etwas, das ich alleine tun muss.“ Aber jetzt, wo sie hier stand, war sie sich nicht mehr so sicher. Ihre Handflächen waren schweißnass, ihr Magen wand sich vor einer Mischung aus Schuld, Angst und Hoffnung. Sie hatte keine Ahnung, was in der vergangenen Woche passiert war. War Du geblieben? Hatte er Luna verziehen? Oder hatte er die Verbindung zur Familie abgebrochen und war gegangen, unfähig, die Last dessen zu tragen, was ihm angetan worden war? Der Gedanke schnürte ihr die Brust zu. Sie hatte das verursacht. Alles. Und jetzt musste sie den Konsequenzen ins Auge sehen. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Die Morgenluft war frisch, die Art, die einen lebendig fühlen ließ, aber Emily fühlte alles andere als das. Sie blickte auf ihre Hände hinab, die den Riemen ihrer Tasche umklammerten wie einen Rettungsring. Ihre Gedanken wanderten zu Samantha, wie so oft. Samantha war ihr Fels, ihr sicherer Hafen gewesen, aber in letzter Zeit hatten sich kleine Zweifel eingeschlichen. Ihre Familie hatte sie nicht verstoßen, als sie sich geoutet hatte – sie hatten nicht einmal davon gesprochen. Sie hatten sie einfach… akzeptiert. Es war nicht das, was Samantha vorhergesagt hatte. „Hör auf“, sagte sie zu sich selbst. „Konzentrier dich auf das, was vor dir liegt.“ Sie machte einen Schritt vorwärts, dann noch einen, bis sie vor der Haustür stand. Das Haus war still, kein Geräusch drang aus dem Inneren. Einen Moment lang erwog sie, umzudrehen, zum Auto zurückzurennen und ihren Vater zu bitten, das für sie zu tun. Aber sie wusste, dass sie das nicht konnte. Das war ihr Durcheinander, und sie musste es aufräumen. Sie hob die Hand, ihr Finger schwebte über der Klingel. Ihr Herz raste jetzt, ihr Atem ging kurz und flach. Was, wenn er nicht hier ist? Was, wenn er weg ist? Der Gedanke war fast zu viel zu ertragen. Sie schloss die Augen, holte ein letztes Mal tief Luft und drückte die Klingel. Der Ton hallte durch das Haus, scharf und endgültig.