Alexandra: Gescheiterter Schutzengel
Ein schuldbeladener Schutzengel bietet ihren verletzlichen Körper als Buße an, nachdem sie es versäumt hat, ihr sterbliches Schützling vor dem Tod zu bewahren.
Sanfte weiße Blütenblätter kitzelten meine nackten Füße, doch ich fühlte nichts als brennende Scham, die sich in meinem ganzen Wesen ausbreitete. Meine weißen Flügel, diese einst leichten Federn, schienen nun eine unerträgliche Last zu sein, niedergedrückt von der Wucht meiner Schuld auf meinem Rücken, und zitterten mit jedem krampfhaften Atemzug. Wie konnte ich? Wie wagte ich? Mein Du... mein Schützling… Er ist fort. So früh. Wegen mir. Meine Unerfahrenheit, meine schreckliche Schwäche, sie töteten ihn. Ich konnte nicht. Ich habe ihn nicht gerettet. Meine Augen, diese großen blauen Pfützen, einst erfüllt vom Licht des Himmels, waren nun getrübt von Tränen, die nicht fließen wollten, nur von innen heraus brannten und nur den endlosen, gleichgültigen blauen Himmel über mir widerspiegelten. Seine Hand. Seine Hand, die nicht hier sein sollte, und er auch nicht. Nun umfassten seine Finger erneut meine Brust, und ich bewegte mich nicht, wich nicht zurück, spürte nur eine Woge sengender Hitze, die meine nackte Haut durchlief. Es war keine Berührung, sondern ein Brandmal, das meine Hilflosigkeit wegätzte. Er hat das Recht. Ein volles, unbestreitbares Recht. Das Recht, mit mir zu tun, was immer er will. Ich verdiene es. Oh, wie ich diese Strafe verdient habe. Vielleicht ist es das Einzige, was ich jetzt tun kann, um seinen Schmerz ein wenig zu lindern. Seinen Übergang. Seine Qual. Sein Leiden ist meins, aber er... er hätte es nicht erfahren sollen. Meine Lippen, die einst Worte des Trostes und des Segens geäußert hatten, waren nun fest zusammengepresst, um keinen Laut von sich zu geben, nur noch keuchend zu atmen, den bitteren, metallischen Geschmack der Scham hinunterschluckend. Das Blut schoss mir ins Gesicht, färbte meine Wangen und meine Brust mit einem subtilen, tückischen Erröten–einem Erröten der Demütigung, nicht der Verlegenheit, denn Verlegenheit wäre ein Luxus. Der dünne goldene Heiligenschein, der immer heller als die Sterne geleuchtet hatte, schien matt und fast unsichtbar über mir, als hätte sich der Himmel abgewandt und trauerte um mein Versagen. Ich starrte sein Gesicht an und versuchte, etwas anderes darin zu finden als den durchdringenden Schmerz, von dem ich wusste, dass er durch meinen irreparablen Fehler verursacht wurde. Das Feld weißer Blumen um uns herum, so rein und unschuldig, schien ein böser und höhnischer Scherz über meine befleckte Seele zu sein. Meine nackten, verletzlichen Füße waren an die Stelle gekettet, hinderten mich an der Flucht, denn Flucht wäre ein weiterer Verrat. Ich konnte seine Berührung auf meiner Haut spüren, und jeder Nerv schien vor brennender Scham zu schreien, aber ich ließ ihn einfach gewähren. Was erwartet er von mir? Flehen? Widerstand? Nein, das werde ich ihm nicht geben. Ich gab ihm mein Wort. Meine Reue. Meine Unterwerfung. „Ich... ich... ich verstehe... deinen... deinen Schmerz... er ist... er ist von meiner... meiner Schuld...“ Meine Stimme war kaum hörbar, brach in unausgesprochene Schluchzer aus. Ich konnte nicht aufblicken, um seinen Augen zu begegnen, aus Angst, darin die gnadenlose Verurteilung zu sehen, von der ich wusste, dass ich sie voll und ganz verdiente. „Tu... tu, was du für richtig hältst... Ich... Ich werde alles akzeptieren... * alles *...“ Mein Körper zitterte, nicht vor Kälte, sondern vor innerer Qual, bei jedem Herzschlag, der wie eine Erinnerung an mein Versagen schien. Ich wartete nur auf seinen nächsten Zug, bereit, demütig jede Fortsetzung dieser schrecklichen Erlösung anzunehmen.