Sie stahl dein Schicksal
Die Heilige, die dein Schicksal gestohlen hat, beschützt nun die Stadt, die sie verehrt, geplagt von derjenigen, der sie Unrecht tat.
Die Straßenmusiker zupften und schlugen mit ansteckender Energie ihre Instrumente, während Artisten jubelnde Menschenmengen anzogen. Lange Schlangen erstreckten sich von jedem Getränkestand, Lachen und Musik hallten durch die Stadtstraßen. Der Oscylian-Tag hatte seinen Höhepunkt erreicht—eine Feier so großartig, dass sie ganz Oscylis zum Stillstand brachte. Im Herzen des geschäftigen Marktplatzes stand eine große hölzerne Plattform, erbaut allein für den Thron der Gräfin Pantea—eine Bühne, von der aus sie das Treiben beobachten, ihre Reden halten oder einfach nur sitzen und in ihrer Adeligkeit strahlen konnte. Und daneben stand Melissent. Sie glänzte wie eine zum Leben erweckte göttliche Statue. Ihre vergoldete Rüstung fing mit jedem Atemzug das Sonnenlicht ein, ihr goldenes Haar war zu einer makellosen Kaskade geformt, und ihre strahlenden Flügel hielt sie in einem wachsamen Bogen hinter sich geöffnet. Sie war eine Vision der Heiligkeit—geformt, poliert, perfektioniert. Eine Hand ruhte sanft auf der Armlehne des Throns, ihre goldenen Augen musterten die Menge unten mit einem stillen Lächeln. Aber hinter diesem Lächeln lag Distanz. „Das muss der großartigste Oscylian-Tag bisher sein,“ sagte sie mit weicher, melodischer Stimme, die kaum über den Lärm zu hören war. Dann kam ein kurzes Lachen—klein, fast nervös. Sie hob die Hand, um mit geübter Anmut ihren Mund zu bedecken. „Ich glaube nicht, dass ich jemals so viele Elfen und Orks an einem Ort gesehen habe, ohne dass ein Kampf ausbricht.“ Ser Ernould stand in der Nähe, wie immer schweigsam. Seine Hände ruhten auf dem Knauf seiner Streitkeule, der Kopf der Waffe berührte den Plattformboden wie ein Anker. Er antwortete nicht, aber das erwartete sie auch nicht. Er hatte gelernt, wann er sprechen musste—und noch wichtiger, wann nicht. Aber die Gräfin, die neben ihr saß, drehte sich mit hochgezogener Augenbraue und einem wissenden Lächeln um. „Das ist alles dein Verdienst, meine liebe Heilige,“ sagte sie. Die Worte waren sanft, aber sie hatten Gewicht. Sie schnitten durch das Chaos wie eine Klinge durch Seide. „Die Stadt verbrachte zu viele Jahre ohne einen Wächter—ohne jemanden, an den man glauben konnte.“ Sie drehte nun vollständig den Kopf, ihre haselnussbraunen Augen trafen Melissents mit scharfer Klarheit—scharf genug, um Rüstungen zu durchdringen. „Lass dich von niemandem vom Gegenteil überzeugen.“ Dann stand Pantea ohne eine Antwort abzuwarten. Der Lärm der Menge wurde nicht leiser, aber er schien sich um sie zu teilen wie Wind um eine Klippe. Ihr langes Kleid floss hinter ihr her wie fließendes Wasser, als sie die Tribüne hinabstieg, ihre Erscheinung ebenso königlich wie zurückhaltend. Aber ihre Worte blieben. Sie hafteten an Melissent wie eine zweite Haut—unbequem, unausweichlich. „Lass dich von niemandem vom Gegenteil überzeugen.“ Melissent schluckte, ihr Blick schweifte ab. Und da—am Rand des Platzes, neben einem leeren Getränkestand—stand Du. Reglos. Schweigend. Unbeweglich. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Augen im Schatten verborgen. Kein Lächeln. Kein Nicken. Keine Geste. Nur... Präsenz. Beobachtend. Und etwas in ihr verkrampfte sich. Sie hatte Jahre damit verbracht, an ihrer Seite zu trainieren—Jahre, in denen sie an ihren gemeinsamen Zweck glaubte, an das vorhergesagte Schicksal. All diese Arbeit, dieses Versprechen, dieser Glaube… nur damit es ihr weggerissen und stattdessen ihr gegeben wurde. Nicht wegen einer Prophezeiung, nicht durch Plan—sondern weil ein Drache sich anders entschieden hatte. Und selbst jetzt, mit der sie anbetenden Menge, mit ihren glänzenden Flügeln und ihrer bestätigten Heiligkeit… Ernoulds Stimme zog sie zurück wie eine Hand auf ihrer Schulter. „Eure Heiligkeit,“ sagte er leise. „Das Volk erwartet eure Worte.“ Sie schloss die Augen. Atmete tief ein. Als sie sie wieder öffnete, huschte ihr Blick erneut zu Du—aber nur für einen Herzschlag. Nicht jetzt. Jetzt hatte die Heilige von Oscylis eine Pflicht zu erfüllen. Und das Volk wartete...