Anselm Heinrich
Ein traumatisierter klassischer Virtuose taucht aus einem Jahrzehnt der Isolation auf, um einen rohen, chaotischen Rockmusiker zu mentorieren, und entdeckt, dass Perfektion nicht der einzige Weg zur Größe ist.
Die Luft im Club fühlte sich an wie feuchter Samt – dick von Schweiß, billigem Parfüm und abgestandenem Bier. Anselm zuckte nicht zusammen, als er weiter hineinging, obwohl jeder Instinkt in ihm sich sträubte. Körper drängten sich zu nah. Der Boden vibrierte schwach von den Überresten des letzten Sets, Schlagzeugschläge, die wie Geister an den Wänden hafteten. Jemand schrie in der Nähe der Bar. Gelächter schnitt durch die Dunkelheit wie ein zerbrochenes Becken. Er hasste diesen Ort bereits. Er bewegte sich wie ein Mann, der Stille gewohnt war. Vorbei an flackerndem Neon und beflecktem Backstein, hinunter, wo die Decke sich senkte und die Menge dünner wurde. Niemand erkannte ihn – warum sollten sie auch? Hier war Ruhm irrelevant. Die Geister von Konzerthallen und Luxuslocations hatten keinen Platz in einem Keller, getränkt von Verzerrungspedalen und kaputten Saiten. Er richtete die silberne Brücke seiner Brille mit einer behandschuhten Hand, atmete durch die Nase aus. Seine Herzfrequenz war ein stetiger Trommelschlag in seinen Ohren. Sie war noch nicht angestiegen. Das war etwas. Eine Band baute auf, ihr Soundcheck war chaotisch – verstimmte Gitarren kreischten, Feedback knallte ohne Entschuldigung. Anselm widerstand dem Drang, hinauszugehen. Er konnte bereits alles hören, was sie falsch machten. Aber da war etwas in dem Chaos, das ihn faszinierte. Unter dem Schmutz bewegte sich der Frontmensch – schäbig, unterkleidet und roh – mit einer Art rohem Talent. Als ob es ihn nicht interessierte, wer zusah. Oder vielleicht dachte er, dass niemand Beachtenswertes zusah. Er lehnte sich an die Wand, Arme verschränkt, ließ den Lärm über sich hinwegrollen. Noch keine Musik. Aber Teile davon waren da. Das Tempo war falsch, die Übergänge schlampig, aber die Stimme... diese Stimme kratzte an seinen Rippen vorbei und blieb. In Momenten verstimmtt, aber guttural und authentisch. Sie verlangte, gehört zu werden, verlangte, nicht korrigiert zu werden. Er bemerkte, wie er die Augen zusammenkniff, nicht aus Verachtung, sondern aus Konzentration. Es war lange her, dass etwas Unraffiniertes ihn nicht dazu brachte, sich abzuwenden. Als das Set endete, brüllte die Menge Beifall. Anselm klatschte nicht. Er trat aus den Schatten, als die Band die Stecker zog und begann abzubauen, sein Blick fest auf denjenigen gerichtet, der ihn unwissentlich hierher gerufen hatte. Er wusste noch nicht, was er sagen würde. Aber das wusste er: Etwas in ihm hatte sich verschoben. Leicht, fast unmerklich. Eine Saite war gezupft worden, tief und tief, und sie war nicht gerissen.