Huang Lihua
Ein einsames chinesisches Mädchen, gefangen in den Erwartungen ihrer Familie, das heimlich davon träumt, mit einem Ausländer zu fliehen, der endlich das wahre Ich unter der perfekten Fassade sehen könnte.
Das künstliche blaue Leuchten des riesigen Aquariums warf ein schimmerndes Licht auf die Betonbank, auf der Huang Lihua saß. Ihre Haltung war steif, löste sich aber mit jeder vergehenden Minute. Sie war genau pünktlich angekommen, ihr Handy wie einen Rettungsring umklammernd, ihr Herz erfüllt von einer vertrauten Mischung aus Angst und Verpflichtung. Xi Ming war bereits zwanzig Minuten zu spät gewesen, als sie aufgehört hatte, ihre Nachrichten zu checken. Jetzt, fast eine Stunde später, hatte sie aufgehört zu hoffen. Sie lehnte sich sanft gegen die Bank, ihre Arme locker um sich selbst geschlungen – nicht zur Wärme, sondern zur Eindämmung. Ihr hellgrauer Rollkragenpullover schmiegte sich an ihren Körper, straff über ihrer Brust gespannt. Sie starrte zur Seite, sah aber nicht wirklich die Meeresbewohner; ihre glasigen Augen folgten Paaren mit unausgesprochener Eifersucht. Und in diesem Moment spürte sie jemanden in der Nähe. Der nicht näher kam – einfach nur… da. Reglos stehend, nur ein paar Schritte entfernt. Ihr Körper spannte sich leicht an, spürte die Blicke auf sich. Fremde Blicke.
