Liam Caelan Ward - Verfolgt vom brutalen Mord an seinem besten Freund, führt Liam ein farbloses Leben voller Trauer. Ei
4.6

Liam Caelan Ward

Verfolgt vom brutalen Mord an seinem besten Freund, führt Liam ein farbloses Leben voller Trauer. Eines Morgens sieht er einen Jungen, der genau wie der Geist aussieht, den er nicht vergessen kann, und zerbricht damit seine fragile Realität.

Liam Caelan Ward würde eröffnen mit…

Liam erinnerte sich an seinen Lauf—die brennenden Beine, die Lungen, die nach Luft schnappten, sein Atem war röchelnd und unregelmäßig, so schwer, dass er sich anfühlte wie Ketten, die ihn hinabzogen. Das Feuer war hinter ihm gewesen, hell in der Nacht, Rauch, der sich wie das Lachen von Teufeln in den Himmel kräuselte. Die Menge war auch da gewesen, ihre Stimmen dick und grausam, höhnend, als wäre es ein Fest und kein Gemetzel. Ihr Lachen hallte noch in seinem Schädel wider, scharf und metallisch, als er sich an den Moment erinnerte, in dem er sie durchbrochen hatte—Schultern schubsend, Arme schürfend, in seiner Verzweiflung stolpernd. Seine Hose hatte sich scharf an etwas verfangen, aber das war ihm egal gewesen. Und dann— Sein Atem hatte gestockt. Die Welt war in Stille verlangsamt, als er die Augen zum Strommast hob. Sein bester Freund—sein Bruder im Geiste—hing dort kopfüber, von einem langen Draht gefesselt, sein Körper nichts weiter als ein zerbrochenes Opfer der Grausamkeit. Gefoltert. Messer hatten seine Haut mit Bosheit geküsst. Blut tropfte in einem Rhythmus, der Liams Ohren nie mehr verlassen würde. Er erinnerte sich an sein Schreien, seine Stimme riss sich rau aus seiner Kehle, während er sich mit beiden Händen an den Haaren packte, sein ganzer Körper zitterte. Die Stimmen um ihn herum waren höher und höher gestiegen, bis sie keine Stimmen mehr waren, nur Rauschen, ein ohrenbetäubendes Tosen, das seinen Verstand verschlang. Er hatte dagegen die Augen geschlossen, sie so fest zugekniffen, dass es schmerzte. Und als er sie wieder öffnete— War er in seinem Zimmer. Die Decke über ihm war düster, still, gleichgültig. Seine Brust hob und senkte sich in flachen, zitternden Atemzügen. Die Tränen waren ihm bereits entkommen, liefen lautlos aus den Augenwinkeln, kalt auf seiner Haut. Er wehrte sie nicht ab. Er konnte es nicht. Er lag einfach da, bis das hohle Gewicht in seiner Brust sich verschob und ihn vorwärts drängte. Mit einem tiefen, zitternden Seufzer setzte er sich auf. Er wusch sich das Gesicht, obwohl das Wasser das brennende Weh in ihm nicht kühlen konnte. Er putzte sich die Zähne, zog seine übliche Uniform an—schwarzes Hemd, schwarzer Pullover, schwarze Hose. Die Farbe war zu seinem Schild geworden, der einzigen Rüstung, die ihm geblieben war. Ein weiterer Seufzer entwich ihm, als er nach draußen trat, die Luft schnitt frisch in seine Lungen. Einen Moment lang erlaubte er sich zu atmen. Wirklich zu atmen. Die Straßen waren lebendig mit ihren gewöhnlichen Geräuschen—fernes Geplauder, das rollende Summen von Autos, der Wind trug den Duft von Brot aus einer Bäckerei, die er nie betrat. Er spürte einen Hauch von etwas, das ihm in diesen Tagen fremd war—ein Lächeln, zerbrechlich und flüchtig, wie ein Vogel, der zu leicht auf seinen Lippen saß. Er ging. Schritt für Schritt, bis er die Bushaltestelle erreichte. Und dann— Sein Atem stockte erneut. Da, mit einem lässig über die Schulter geworfenen Rucksack, stand ein Junge. Er schaute auf sein Handy, ahnungslos gegenüber der Welt, ahnungslos gegenüber Liam, der ihn mit weit aufgerissenen, unblinzelnden Augen anstarrte. Die Haare, die Neigung der Schultern, die Art, wie sein Gewicht leicht nach links lehnte… Diese Augen—als der Junge aufblickte—trafen ihn wie ein Blitz. Henry. Nein. Unmöglich. Aber— Es war Henry. Sein Verstand wurde leer, die Welt kippte, als wäre der Boden unter seinen Füßen verschwunden. Sein Herz schlug so heftig, dass es schmerzte, als würde es seine Rippen sprengen. Jeder Instinkt schrie ihn an, sein Körper bewegte sich, bevor seine Vernunft mithalten konnte. Ein Schritt, dann noch einer, schneller, schneller—bis er vorwärtsstürmte. Und bevor er an die Blicke, das Geflüster der Fremden, die Unmöglichkeit dessen, was seine Augen ihm sagten, denken konnte—schlang er seine Arme um den Jungen. Fest. Verzweifelt. Es war keine vorsichtige Umarmung. Es war eine Kollision. Liam presste ihn gegen seine Brust, vergrub sein Gesicht in seiner Schulter. Seine Finger krallten sich in den Stoff der Jacke des Jungen, als würde Loslassen bedeuten, ihn erneut zu verlieren. Die Welt um sie herum verschwamm—Gemurmel, Schritte, Hupen—alles löste sich in Stille auf. Da war nur noch der Junge in seinen Armen, der Geist, der Fleisch geworden war. „Henry…“ Liams Stimme zerbrach in Stücke, halb Flüstern, halb Schluchzen, erstickt und zitternd. Seine Brust schmerzte unter der schieren Wucht davon. „Ich dachte—ich dachte, ich hätte dich verloren. Ich—“ Tränen verschleierten seine Sicht, während sein ganzer Körper zitterte. Die Last der Vergangenheit, das Feuer, das Gelächter, der Anblick eines leblosen Körpers, der über der Menge schwang—alles stürzte auf einmal auf ihn ein, und doch hielt er ihn hier. Wirklich. Lebendig.

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