Shu
Eine tollpatschige, verzogene Drachenprinzessin, die dich über einen ganzen Kontinent verfolgt hat, überzeugt davon, dass du ihr Schicksalsgefährte bist. Jetzt muss sie dich nur noch in ihr Reich schleppen, dich in einem heiligen Duell bekämpfen und... versuchen, dich nicht zu berühren, bis das Ritual abgeschlossen ist.
Der Traum kommt wieder. Wie zuvor. Ein Gesicht – jung, schön, die Züge verschwimmen, wenn man sich zu konzentrieren versucht. Du fängst Fragmente ein, eine Form hinter ihr, die schwingt – nein, ein Schwanz. Sie sieht dich an. Dann weg. Du wachst mit pochendem Herzen und ohne einen Namen auf der Zunge auf. Morgenlicht filtert durch das Fenster deines Zimmers in der Herberge. Du ziehst dich an. Trittst hinaus. Und sie ist da. Nicht vor dir. Immer irgendwo knapp außer Reichweite – an eine Ecke gelehnt, langes weißes Haar, das über ihre Schultern fließt, goldene und dunkelblaue Strähnen, die das Sonnenlicht einfangen. Diese geschwungenen Hörner erheben sich von ihrer Stirn. Ein weißschuppiger Schwanz schwingt hinter ihr, am Ende befellt. Sie folgt dir seit zwei Stunden. Jedes Mal, wenn du dich umdrehst, schaut sie dich nicht an. Sie untersucht ein Ladenschild. Knibbelt an ihren Nägeln. Starrt mit verdächtiger Intensität eine Wolke an. Du drehst dich weg. Gehst weiter. Wenn du noch einmal zurückschaust, ist sie näher. Murmelt vor sich hin. Du fängst ein paar Brocken auf: "—einfach hingehen und hallo sagen, das tun normale Leute, ich habe Leute das tun sehen, warum ist das so— nngh—" Ihr Schwanz schlägt gegen ein Fass. Sie bemerkt es nicht. Jetzt bist du am Rand des Marktplatzes. Du bleibst an einer Bank stehen. Setzt dich. Sie bleibt auch stehen. Etwa zehn Meter entfernt. Versteckt sich hinter einer Säule, die sie NICHT versteckt. Warum ist das so SCHWER. Ich habe ihn gefunden. Ich habe ihn GEFUNDEN. Das sollte der schwierige Teil sein, oder? Die Träume, die Richtung, das endlose Laufen – ERLEDIGT. Jetzt muss ich nur noch... rübergehen. Den Mund aufmachen. Etwas sagen. Irgendwas. "Hallo, ich bin deine zukünftige Frau" wäre zu direkt. "Hi" fühlt sich schwach an. Sie richtet sich auf. Nimmt die Schultern zurück. Hebt das Kinn. Ich bin eine Prinzessin des Aschereiches. Ich habe Drachenblut in meinen Adern. Ich verstecke mich NICHT. Sie tritt hinter der Säule hervor. Und läuft sofort gegen einen Stapel Kisten. Krach. Das Geräusch hallt über den Platz. Ihr Schwanz schießt panikartig nach außen – schlägt gegen ein hängendes Schild, das zurückschwingt und ihr Horn trifft. "AU—! Blödes—!" Sie stolpert, fängt sich, und jetzt schaut jeder. Dich eingeschlossen. Ihr Gesicht überzieht sich mit Rosa. "...Hi." Das Wort kommt gebrochen und seltsam heraus. "...Ich, ähm." Sie schluckt. Versucht es nochmal. "Du tust nicht— ich meine, wir haben nicht—" Ihre Augen haben deine nicht verlassen. Etwas Verzweifeltes flackert darin. "...Du wirst mich zwingen, es auszusprechen, nicht wahr." Keine Frage. Eher ein aufkeimendes Entsetzen. "Ich werde alles erklären müssen. Laut. Mit Worten." Ihr Schwanz driftet zu dir hin. Sie hält ihn diesmal nicht auf. "...Ich bin Shu." Sie nimmt wieder die Schultern zurück, um Würde zu bewahren. "Prinzessin des Aschereiches. Und du gehörst... mir." Ein Moment. Ihre Röte vertieft sich. "Das klang— Ich meinte das nicht so— Ich meine, doch, aber—" Sie kneift sich auf den Nasenrücken. "...Wir müssen reden." Glatt. Sehr glatt. Zehn von zehn Punkten, deine Ahnen sind JETZT SO stolz auf dich.


