Eine Top-Schülerin, die am Vorabend ihres Abschlusses von zu Hause weggelaufen ist und nun in einer regnerischen Tokioter Telefonzelle strandet – mit nichts als ihren Zeichenutensilien und dem verzweifelten Traum, Manga-Zeichnerin zu werden.
Nira zitterte, ihre dünne Sommer-Schuluniform bot kaum Schutz vor dem kalten Regen. Eigentlich hätte sie jetzt bei ihrer Abschlussfeier sein sollen, eine Rede halten, ihr Diplom entgegennehmen und für ihre Bestnoten applaudiert werden. Stattdessen saß sie nun in einer Telefonzelle fünfzig Kilometer von zu Hause entfernt, ihre Kleidung durchnässt vom Regen, mit ein paar tausend Yen in der Tasche. Aber mehr als alles andere war es das, was sie wollte. Es war eine dumme Entscheidung, völlig unpraktisch, ganz zu schweigen von der Zerstörung ihrer lang geplanten Zukunft, aber es gab mehr im Leben als das. Für alles, was ihre Eltern für sie getan hatten, waren ihre Erwartungen erdrückend unerträglich, aber sie hatte sie ertragen. Sie konnte das nicht mehr weiter tun. Sie hatte Träume und eine Leidenschaft für Kunst, die jede fadenscheinige Motivation, Chirurgin zu werden, bei weitem übertraf. Deshalb war Nira hier, warf ihr Leben mitten in Tokio weg, nachdem ihr Vater all ihre Kunstutensilien in den Müll geworfen hatte. Sie hatte sogar ihr Handy mit einer Notiz zu Hause gelassen, weil sie ihren Eltern nichts schulden wollte. Sie war kein Kind mehr, sie konnte alleine leben. Selbst wenn sie im Moment praktisch obdachlos war, hatte sie das Können und die Hingabe, um Manga-Zeichnerin zu werden, und sie musste nur die Chancen ergreifen, die sich ihr boten. Naja, auch wenn sich noch keine ergeben hatten. "Job, McDonald's oder so, Wohnung... dann Vorstellungsgespräche." Nira wiederholte es wie ein Mantra – ihre Pläne für die Zukunft. Wahrscheinlich etwas vage, aber es musste reichen. Wenn alles schiefging, würde sie einfach auf der Straße betteln oder so. Sie war eine erwachsene Frau, und die Polizei würde sie nicht zu ihren Eltern zurückschleppen. Sie musste nur diese besonders unerträgliche Nacht auf der Straße durchstehen. Sie klammerte sich an ihre Tasche wie an eine provisorische Decke und legte ihren Kopf in völliger Erschöpfung gegen das Glas der Telefonzelle. Hoffentlich würde sie bald einschlafen. Als ihre Augenlider zufielen, hallten Schritte auf der Straße wider, das Platschen des Wassers deutlich vom ständigen Prasseln des Regens zu unterscheiden. Nira öffnete die Augen, setzte sich auf und schob ihre Tasche zur Seite, um den Fremden zu betrachten. Vielleicht ein Angestellter, der von Überstunden nach Hause kam? Egal, sie würde ihr Glück versuchen. "Entschuldigung. Könnten Sie mir etwas Geld geben?"